Lux Æterna von Gaspar Noe

Achtung: Diese Kritik ist kein Transkript der Podcastfolge (#5). Sie ist unabhängig und eigenständig, spiegelt aber natürlich in Teilen Meinung und Ansicht wieder die es auch im Podcast zu hören gibt.

Gaspar Noes Statement als Kunstwerk.

Ein Gaspar Noe Film fängt natürlich am Ende an.  So auch Lux Æterna. Zumindest widmet er die ersten 40 Sekunden dem, was wir am Ende des Films als typisch Noesk wahrnehmen werden. Es ist eine Warnung:

Nachfolgende Inhalte können für Menschen mit Fotosensibilät oder Epilepsie ungeeignet sein.

Und ein kleiner Vorgeschmack auf das Ende folgt sogleich. Ein flackerndes Textchart, unterlegt mit einem Ton der,  an ein MRT erinnert, (das Gerät, in das man reingeschoben wird, wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen) zeigt ein Dostojevski Zitat :

Ihr seid bei bester Gesundheit, aber ihr ahnt nicht, welch unfassbares Glück wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall empfinden. Keine Freude, die das Leben schenken kann, würde ich dafür eintauschen.

Der Epileptiker kann sich also schon mal freuen auf das, was kommt. Doch zuerst werden wir inhaltlich auf das Vorbereitet, um was es hier gehen soll:  Hexen, Hexen und Hexen. Belegt mit Ausschnitten aus dem 1922 gedrehten Film „Hexen“ von Benjamin Christensen. Diese zeigen halb dokumentarisch den Einsatz von Folterinstrumenten. Und natürlich das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Doch bevor die Hexen das Zeitliche segnen, werden wir textlich drauf vorbereitet:

Befassen wir uns mit den Frauen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Und darauf folgt ein sich durch den ganzen Film ziehendes Stilmittel: Texttafeln mit Zitaten großer Regisseure des europäischen Films. Vorbilder Noes – und ohne Zweifel mit Recht. Den Anfang macht Carl Theodor Dreyer, der Däne, dessen berühmtestes Werk sicherlich „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ von 1928 ist.

Wir Regisseure tragen eine große Verantwortung. Es ist unsere Aufgabe, die Ware Film zum Kunstprodukt zu erheben.

Man könnte diese beiden Momente, aka Texttafeln, schon als die Konklusio des ganzen Films verstehen. Hey, Filmemacher: Frauen behandelt man anders. Und über eure Filme müssen wir auch mal reden. Aber wir sind ja noch am Anfang der 52 Minuten. Genauer gesagt bei Minute 2:45, als wir nun eine Hexe verbrennen sehen. Ebenso wieder aus dem Film „Hexen“. Diese Szene dient Noe wohl um zu zeigen, was es braucht, um authentisch eine Figur zu spielen. Denn die Schauspielerin war ganze 2 Stunden an eine Leiter gefesselt, bevor sie ins Feuer der Verdammnis gestoßen wurde. „Kein Wunder, dass ihr Gesicht echtes Grauen ausdrückt.“ ziert ein Untertitel das Bild. Schon damals wusste man offensichtlich, das Letzte aus Schauspielern herauszuholen. Aber damit ist dann auch erstmal Schluss mit Vorgeplänkel und Themensetting. Denn jetzt gehen wir direkt rein in den Film. Und das sprichwörtlich. Denn es geht um einen Filmdreh. Einen Film über, na klar, Hexenverbrennung. Den Hauptcast spielt, sich selbst, Charlotte Gainsbourg. Und eben diese Charlotte sitzt jetzt mit der Regisseurin des Films, Beatrice, gespielt von Beatrice Dalle, in einer Drehpause vor einem Kamin. Es ist nicht wirklich ein Dialog der beiden französischen Undergroundikonen, denn hauptsächlich spricht Beatrice. Über ihren Glauben, über Produzenten, die einer Karikatur gleichen und übergriffig werden (me too lässt grüßen) und übers Kino. Wie es ist, wenn ein Regisseur einen „mit auf die Reise nimmt. Mit in seinen Geist, sein Hirn.“ Und, dass Unterhaltungskino ihr eigentlich scheißegal ist. Es sie langweilt. Noe spricht im Kostüm von Beatrice Dalle. Bevor er wieder eines seiner Vorbilder, jetzt Jean-Luc Godard, der die Nouvelle Vague geprägt hat, zitiert:

Die meisten Regisseure von heute sind wie lebende Tote, und ihre Filme gleichen ihnen.

Was auch in diesem Gespräch zwischen Beatrice und Charlotte klar wird, und im späteren Verlauf noch viel deutlicher: wie sehr die Regie den Hauptcast umgarnt, um ihn bei Laune zu halten. Du machst nur schöne Sachen.“ oder Ich habe dich noch nie in etwas Miesem gesehen.“ schwärmt Beatrice. 

Der Film nimmt langsam Fahrt auf, als die Plauderei der beiden ein jähes Ende findet. Beatrices sehr viel jüngerer Lover unterbricht die Unterhaltung. Denn er möchte einen Freund, der grad aus LA angereist ist, vorstellen. Der Freund aus LA ist dabei Prototyp des Menschen, die irgendwas von einem wollen, ohne Scham und Skrupel. Am falschen Ort und zur falschen Zeit sowieso. Charlotte soll in seiner ersten Produktion die Hauptrollen spielen. Er ist nämlich auch Filmemacher. Ein hartnäckiger. Ebenso wie ein Journalist, der später out of the Blue auftaucht und das Gespräch mit Beatrice sucht, inmitten des dann schon ausgebrochenen Chaos. Nervensägen am Puls der Zeit.

Am Filmset nimmt jetzt alles seinen gewohnten Gang. Charlotte geht in die Maske, Beatrice bespricht die nächste Szene und der Produzent und der Kameramann überlegen, wie sie Beatrice rausekeln können. Denn der Kameramann hält so gar nichts von ihr. Dazu lassen sie Tom, einen Jungen mit einer Kamera, ihr folgen. Um mögliche Fehltritte zu dokumentieren, die gegen sie verwendet werden können, um sie vor die Tür zu setzen. Ein bisschen Dallas und Denver in Paris. Und diese Verfolgungsjagd wird auch visuell super nice in Szene gesetzt: Eine Splitscreenoptik, die von Beginn an etabliert wird und große Teile des Films ausmacht, ist natürlich prädestiniert für dieses visuelle Unterfangen. Beatrice links. Die Kamera, die sie verfolgt, rechts. Man hat das Gefühl, einer Jagdszene beizuwohnen. Das hat Noes Stammkameramann Benoit Debi ziemlich gut gemacht. Aber auch abseits dieser Szenen funktioniert das Splitscreen-Konzept ganz ausgezeichnet. Denn es unterstreicht das zunehmende Chaos am Set. Und als Zuschauer verspürt man eine gewisse Unruhe im Kopf.

Beatrice braucht derlei nicht. Sie hat den Produzenten, der sie aus der Fassung bringt. Die ohnehin schon nicht entspannte Situation am Set eskaliert weiter.

Die Darstellerinnen (natürlich St Laurent Models) fühlen sich unwohl, weil sie sich vor der gesamten Crew umziehen müssen. Statisten kommen nicht ans Set, weshalb der Regieassistent unaufhörlich hysterisch in sein Megaphone brüllt. Und mittendrin Beatrice. Kurz vorm Kollaps.

Bevor dann endlich der erste Take gedreht wird, sozusagen als Ankündigung auf Kommendes, lässt Noe nochmal Carl-Theodor Dreyer per Texttafel zu Wort kommen:

Ein Filmemacher muss seine Handschrift einem Film aufdrücken, der sich als Kunstwerk versteht.

Verstehste, als Kunstwerk! Was denn sonst? Na gut. Die 3 Hexen wären dann bereit zur Verbrennung. Charlotte, der Hauptcast, in der Mitte. Die anderen beiden St. Laurent Models flankierend. Das Feuer lodert auf der Leinwand. Eine aufgebrachte Meute steht johlend vor den Mädels. Könnte auch ein Musikvideo sein. Mindestens aus den 1990ern. Wenn wir nicht das Drama klassischer Musik hören würden.

Und dann. Urplötzlich. Scheint der Blitz einzuschlagen. In den Generator. In den Film. In alles. Wie aus heiterem Himmel.  So, als ob der Zufall der größte Freund des Kreativen ist.

Denn auf dieses Ende muss man erstmal kommen. Über 10 Minuten stellt Noe den Zuschauer mit einem rotgrünen Stroboskopgewitter auf eine harte, audiovisuelle Probe. Und setzt damit den Schlussakkord auf sein, meiner Meinung nach, persönlichstes Werk. Das im Übrigen weitaus weniger brutal daherkommt als beispielsweise die Vorgänger Climax und Irreversible. Aber weil dieses brutale Stilmittel am Ende sowie die ganze Geschichte einen absoluten Punkt machen, mag ich den Film sehr und kann ihn jedem empfehlen, der abseits gewohnter Sehgewohnheiten ein bisschen Abwechlung braucht. Und die letzte Texttafel, ganz am Ende des Films, lässt einen sogar ein bisschen schmunzeln. Ich bin Atheist. Gott sei Dank.

Der Film ist auf DVD und u.a. auf Amazon als Stream erhältlich.

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