Monster! Monster?

Achtung: Diese Kritik ist kein Transkript der Podcastfolge (#5). Sie ist unabhängig und eigenständig, spiegelt aber natürlich in Teilen Meinung und Ansicht wieder die es auch im Podcast zu hören gibt.

Regiedebüt mit Starbesetzung

Anthony Mandler dreht normalerweise Musikvideos für Rihanna und Nicki Minaj oder Commercials für Apple, P&G und Mercedes. Seit neuestem aber auch Spielfilme. „Monster, Monster“ ist sein Debüt und wurde erstmals 2018 auf dem Sundance Festival präsentiert. Das Gerichts-, Gesellschafts- oder Crimedrama, je nach Perspektive, basiert auf dem Buch von Walter Dean Myers, welches 1999 erschien und schlicht „Monster“ heißt. Monster, so werden die Angeklagten vom Staatsanwalt (Paul Ben-Victor) in dem von Netflix eingekauften Film genannt. Eines dieser Monster ist Steve Harmon (gespielt von Kelvin Harrrison, den man schon in „12 Years a Slave“ gesehen hat). Die Hauptfigur, ein 17jähriger Schüler, der später mal Filme drehen möchte, lebt mit seinen Eltern, gespielt von Jennifer Hudson (die btw. nur 13 Jahre älter ist als Kelvin, ihr Filmsohn) und Jeffrey Wright, im New Yorker Stadtteil Harlem. Er geht auf eine hochangesehene Schule, pflegt gute Manieren, ist klug, freundlich und versteht sich blendend mit seinen Eltern, seinem kleinen Bruder und dem Rest der Welt. Steve hätte wohl so gar keine Probleme in diesem Universum, stünde er nicht wegen Beihilfe zum Raubmord vor Gericht.

Er soll seinen beiden Kumpels, William, gespielt von A$AP Rocky, und Bobo, gespielt von John-David Washington, u.a. bekannt aus „Tenet“,  dabei geholfen haben eine Bodega (in Berlin würde man Späti sagen) auszurauben. Sein Job war mutmaßlich den Laden im Vorfeld auszuchecken. Weil sich aber der Besitzer mit einer Pistole beim Überfall zur Wehr setzt, kommt es zum Gefecht und einem Schuss, der sich eher zufällig löst, und den eigenen Mann trifft. So wird aus Raub, Mord. bzw. Beihilfe. Aber so lieb, brav und wohlerzogen Steve eben ist, kann er es unmöglich gewesen sein. Dies versucht der Film auch von Beginn an mit allen Mitteln klar zu machen. Er schreit aus jeder Pore: seht her, dieser Junge passt in eine Polo Ralph Lauren Kampagne, aber nicht in den Knast. Zudem gibt es auch nur eine Zeugin, die ihn vor dem Laden gesehen hat. Die Bilder der Überwachungskameras, mit denen der Film im übrigen startet, und immer mal wieder reingeschnitten werden, zeigen auch nur zwei Menschen mit Masken, die aber schon identifiziert sind. William und Bobo.

Trotzdem steht er, Steve, jung und unschuldig jetzt vor Gericht. Weil er schwarz ist und struktureller Rassismus in den USA nicht nur Thema, sondern auch ein Jahr nach George Floyd, Alltag ist.

(c) NETFLIX

Das Steve nicht verurteilt werden soll, das soll die Anwältin Katherine O’Brien (gespielt von Jennifer Ehle) verhindern. Eine rothaarige, stets gut gekleidete, aber furchtbar unemotionale und nüchterne Person. Die zwar von Beginn an, an seine Unschuld glaubt, aber dem Anschein nach weder Geschworene noch den Angeklagten zu überzeugen weiß. Vom Zuschauer ganz zu schweigen.

Die Prämisse des Films ist also recht schnell klar. Guter Junge war am falschen Ort, zur falschen Zeit, mit der falschen Hautfarbe. Dass der Film „mehr“ will, liegt an der Vorlage, die im übrigen auch Abiturempfehlung in einigen deutschen Bundesländern, 2017/2018 war. Denn letztendlich geht es am Ende der 91 Minuten auch um ein, wenn auch etwas vorhersehbar, anderes Thema. Und nicht ganz zufällig erfahren wir von Steves Lehrer, einem Filmdozenten, der später auch für ihn aussagen wird, wie wichtig es ist, seine eigene Geschichte zu finden. Und eine Geschichte immer mal wieder anders reflektiert wird, je nach Perspektive. Mehr verraten will ich jetzt aber nicht. Nur, dass hier viel mehr drin gewesen wäre.

Denn das Thema ist aus jedem Blickwinkel gut. Aber die Umsetzung leider nicht so richtig. Da wäre die schauspielerische Darbietung von Kelvin Harrison jr., die mich leider gar nicht überzeugen konnte. Die Figur des Steve Harmon wirkte streckenweise erstaunlich nüchtern. Selbst bei seiner Festnahme hatte man das Gefühl, dass diese komplett an ihm vorbeigeht. Selbst unter Berücksichtigung einer insgesamt etwas introvertiert gezeichneten Rolle, war das für meinen Geschmack zu wenig. Wie auch das Schauspiel seiner Anwältin. Für die in meinen Augen das gleiche gilt. Als ob sie schlicht einen „Nine to Five“ Job erledigt. Ohne Leidenschaft. Vielleicht war das ja auch hier genau die Beschreibung der Rolle. Überzeugt hat sie mich aber nicht. Im Gegensatz zu A$AP Rocky, der als smarter, schachspielender Gangster mit Charisma und Charme Steve für sich gewinnen kann. Und mich als Zuschauer. Ein anderer Rapper, NAS, hat neben seiner Rolle als Mitproduzent des Streifens, auch noch eine kleine Rolle im Film. Als Steves Zellenkumpel und Ratgeber. Das aber nur der Vollständigkeit halber. Denn inhaltlich wertvoll ist es nicht. Ebenso wenig wie dieser Satz.

Was nehmen wir also nun mit aus diesem Drama? Eine gute Geschichte macht noch keinen guten Film! Auch wenn man sich den Film ganz gut anschauen kann – er nimmt einen leider emotional nicht wirklich mit. Auch nicht visuell. Obgleich die Kamera ihren Job tut. Sie stellt das hier und jetzt, also die Zeit im Knast und vor Gericht, in kühlen Farben da. Das „Before“ wird in warmen, seichten, wohlgefälligen Tönen gezeigt. Dazwischen dienen immer mal wieder Film- und Fotoaufnahmen, die Steve von seinem Umfeld macht, im roughen schwarz/weiß als Stilelement um ein Hauch visuelle Frische reinzubringen. Okay.

Wenn man sich Anthony Mandlers Reel anschaut, verwundert das visuelle Ergebnis auch wenig. Das soll jetzt gar nicht so negativ klingen, wie es vermutlich hier rüberkommt. Denn dieser Stil hat natürlich seine Berechtigung. Mir war es nur eben in Verbindung mit der Erzählung der Geschichte und der Zeichnung der Charaktere, etwas zu glatt, zu oberflächlich. Dabei hätte die Geschichte genügend Raum für Ecken, Kanten und Tiefgang gehabt.

Der Film ist auf Netflix erschienen.

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